Das Pferd im Mittelalter

Im Mittelalter spielte das Pferd eine wesentliche Rolle in der Gesellschaft und war unentbehrlich. Es gab viele, weit gefächerte Funktionen die ein Pferd erfüllen musste.

Es wurde unter anderem als Last-, Arbeits- und Reittier sowie für Kurier- und Kriegsdienste gebraucht.

Bei der Kriegsführung unterscheidet man zwischen unterschiedlichen Pferdetypen, nämlich zwischen der leichten Kavallerie oder der schweren Reiterei.

Unter „schwerer Reiterei“ versteht man das typisches Streitross eines Ritters.
Die ‪Pferde‬ waren allerdings bedeutend kleiner als die heute verwendeten, dies haben Skelettfunde ergeben.

Im Buch des Museum of London „The medieval Horse and its Equipment“ werden einige Funde ausführlich beschrieben. Es ergibt sich ein eindeutiges Bild, das Pferde im späten Mittelalter ein durchschnittliches Stockmaß von 135 erreichten und selten ein Stockmaß von 150 cm. Wenn man sich die Maße der Knochen von Schienbein und Röhrbein betrachtet, kann man absolut nicht von einem massigen Kaltblüter sprechen, sondern vielmehr von relativ zierlichen und gedrungenen Pferden. Dies konnte man auch anhand der gefundenen Hufeisen ableiten. Solche Pferde würde man heute besten falls als Kleinpferde bezeichnen.

Ein ritterliches Streitross würde man heute wahrscheinlich eher als "Ackergaul" betiteln und von der Größe als Pony bezeichnen.
Es gab aber auch Pferde, wie Reitpferde des Adels oder das Streitross eines Ritters, die vereinzelt etwas größer waren.

Laut archäologischen Funden liegt die Maximumgröße dieser Tiere bei knapp 160 cm.
So hat Henry VIII. um 1540 ein Gesetz  zum Idealmaß von Kriegs‪pferde‬n erlassen. Dort spricht man von einem "wünschenswerten Maß von wenigstens 15 Hand (ca. 150 cm). "

Pferde im Mittelalter wurden eher nach Größe und Verwendungszweck differenziert als nach Rassen. Ansätze einer Rassenzucht lassen sich erst ab dem Spätmittelalter nachweisen. 

Aus  Dokumenten des Mittelalters lassen sich Listen über Typen und Pferdearten ableiten,ebenso aber auch bezüglich Gangarten, Farben, Zuchtbriefe, Verkauf und Nutzen.

Es besteht aber die Schwierigkeit mit der Flexibilität in der mittelalterliche Sprache, Dokumenten oder Literatur. Oftmals werden mehrere Wörter für ein und dieselbe Sache verwendet. Auch werden häufig mehrere Objekte mit ein und demselben Wort beschrieben. Dieses macht die Klassifizierung von Pferdetypen für uns heute sehr schwierig.

 

Eine bedeutende Quelle stellt die Beschreibung vom Londoner Pferdemarkt von William Fitz Stephen um 1170 dar, der als Sekretär und Biograph von Thomas Becket bekannt ist.

William Fitz Stephen beschreibt darin u.a. verschiedene Pferdetypen, die zum Verkauf ausgestellt bzw. angeboten wurden.

 

1. Gradarii oder Amblers (siehe Kapitel „Das Gangpferd im Mittelalter/Der Zelter)

Dies sind Passgänger. Heutzutage wirkt dies natürlich befremdlich, zumal es in der modernen Reitschule als faul und fehlerhaft gilt.

Diese Pferde galten damals als ideal für unerfahrene Reiter, welche komfortabel eine lange Wegstrecke zurücklegen wollten,

denn diese Pferde verlangten kein hohes Maß an Reitkunst. Dazu findet man z.B. Bildquellen im Queen Mary Psalter (14. Jh.)

bei "Jäger auf Pferd" oder in den Canterbury Tales (15. Jh.) bei "Wife of Bath".

2. Pferde für Landjunker (Rounsey oder Renner)
Diese wirkten grob, waren aber schnell. Damit sind Pferde gemeint, mit denen man im Trab gehen und als geübter Reiter im schnellen Tempo weite Wegstrecken zurücklegen konnte.

3. Colts
Damit sind schlicht und einfach (Hengst-)Fohlen bzw. Jungpferde gemeint,

die noch nicht an Zaumzeug und Reiter gewöhnt worden sind.

4. Summarii oder Sumpters
Dies sind Lastpferde oder auch Packpferde, welche sich laut Quelle durch stämmige,

aber sehr bewegliche Beine auszeichnen.

5. Mares
Das sind reine Arbeitspferde, welche vor Pflug, Egge, Schlitten und Wagen/Fuhrwerk/Karren eingesetzt wurden.

Offenbar wurden sie auf  Märkten gemeinsam mit Rindern ausgestellt. Es waren wohl oftmals Stuten, manche von ihnen trächtig, andere mit Fohlen zur Seite.
Dass sie von William gesondert erwähnt werden, ist insofern bemerkenswert, da im Hochmittelalter die Pferde gerade erst begannen, den Ochsen als Transporttier Konkurrenz zu machen.

 

6. Dextrarii oder Destrier
Die Bezeichnung Destrier wird abgeleitet vom lateinischen "dextrarius", was bedeutet „rechtsseitig“.
Dieses „rechtsseitig“ kann mehrfach gedeutet werden: An der rechten Seite des Ritters (bildhaft für „immer bei ihm“), oder geführt durch die rechte Hand des Knappen.
Dieses war das teure Kriegspferd der Ritterschaft. Es trug den Ritter in die Schlacht und auf Tuniere. Es wurde in zeitgenössischen Quellen oft als großes Pferd mit Stolz und viel Persönlichkeit beschrieben .

Es war gut trainiert, und musste stark, schnell und wendig sein. Auch musste es einen starken Körperbau besitzen, da es den Ritter mit schwerer Rüstung im Turnier (Turnierrüstung gut 90 Pfund) und im Feld (Kriegsrüstung, 40-70 Pfund) trug.

Dieses Kriegspferd war kostspielig und wertvoll, alleine schon wegen der doch sehr langen Ausbildung.

Der Preis eines Destiers liegt um das 25-Fache eines normalen Reitpferdes (Rouncey).

Bei Destriers handelte es sich zum größten Teil um Hengste, in sehr seltenen Fällen wurden auch besonders talentierte Stuten verwendet.
Man verwendete Hengste auf Grund ihrer natürlichen Aggression und Heißblütigkeit. Auf dem Schlachtfeld konnten sie schon mal "Beißen und Treten" und in der Hitze des Gefechts gegeneinander kämpfen.
Es ist wahrscheinlich, dass der moderne Percheron in Teilen ein Nachfahre des Destriers ist. Heute gibt es Bestrebungen, den Destrier wieder nach zu züchten.

Unter Züchtern ist man sich nicht sicher, welche Pferde für diese Nachzüchtung verwendet werden sollten und wer die Nachfahren von dem Destrier sind.

Bislang wurden Kreuzungen zwischen dem Percheron und dem Andalusier bekannt, woraus das spanisch-normannische Pferd geworden ist.
Während der Destrier das bekannteste Pferd des Mittelalters war, gab es noch den wertvollen, aber nicht ganz so teuren Courser.

Der Courser wurde nach seiner Gangart benannt (nach dem altfranzösischen cours, rennen).

Jedoch könnte das Wort sich auch von dem italienischen corsiero (Schlachtross) ableiten. Er war leichter, kleiner und schneller als der Destrier, aber er war nicht ganz so schlagfertig und kräftig. Er wurde gelegentlich auch bei der Jagd eingesetzt.

Beide Pferdetypen wurden aber bevorzugt für die Schlacht genutzt. Beide waren hoch trainierte, von Rittern und Adligen genutzte Exemplare, während Knappen und ärmere Ritter den Rouncey für den Kampf nutzten. Ein betuchter Ritter stellte seinem Gefolge Rounceys zur Verfügung.


Der Rouncey (auch Rouncy oder Rounsey = Renner) war ein Allzweckpferd . Es wurde als Packpferd, zum Reiten, aber auch in der Schlacht zur schnellen Verfolgung genutzt.
Man könnte auch sagen, Rouncey und Courser waren die Pferde der "leichten Kavallerie".

 

 

 

Quellen,Literatur und Abbildungsnachweise:

The Medieval Horse and its Equipment, Museum of London
Reiter und Ritter, Norbert Goßler
Andrea-Katharina Rostock und Walter Feldmann: Islandpferde-Reitlehre. 2. Auflage

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Horses_in_the_Middle_Ages
http://en.wikipedia.org/wiki/Horses_in_Warfare
http://en.wikipedia.org/wiki/Horse_transports_in_the_Middle_Ages
http://en.wikipedia.org/wiki/Destrier
http://en.wikipedia.org/wiki/Courser
http://en.wikipedia.org/wiki/Rouncey

Les Très Riches Heures du duc de Berry (Monatsbild August)
Les Très Riches Heures du duc de Berry (Monatsbild August)
Zelter, Taccuino Sanitatis
Zelter, Taccuino Sanitatis
Summarii oder Sumpters, Taccuino Sanitatis
Summarii oder Sumpters, Taccuino Sanitatis
Mares mit einem Kummet,  Les Très Riches Heures du Duc de Berry (Detail Oktober)
Mares mit einem Kummet, Les Très Riches Heures du Duc de Berry (Detail Oktober)
Destrier, Kunrat von Ammenhausen, Das Schachzabelbuch
Destrier, Kunrat von Ammenhausen, Das Schachzabelbuch